Die Reise der Linda Juli 2007

0-TourLinda2007
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Die Reise der “Linda” vom 16. Juni bis zum 13. Juli 2007
Der Entschluss, den Sommerurlaub auf dem Boot zu verbringen, fiel kurzfristig. Mein Freund Micha bot mir an, mich mit dem Trailer von Berlin nach Warnemünde zu bringen und auch wieder abzuholen. Das Boot war technisch in Ordnung, vier Wochen Urlaub waren genehmigt, und das Wetter in der ersten Junihälfte deutete auf einen schönen Sommer hin.Bei der Ankunft in “Hohe Düne” sah dann alles ganz anders aus. Schwarzer Himmel, prasselnder Dauerregen, und kalte Böen flogen über den Hafen. Der Wind stand heftig auf die Kaimauer am Kran. Wie kann man bei einem Hafenneubau den Krankai genau gegen Westen bauen? Das große Hafenbecken war etwa zu einem Viertel mit Booten belegt, und bei dem Wetter war niemand zu sehen. Es war sehr trostlos.
Nachdem das Boot im Wasser war, fuhr ich noch mit der Fähre auf die andere Seite zum alten Strom. Nach dem Essen folgte ein Spaziergang zum Leuchtfeuer am Ende der Mole. Auweia, Atlantikbrandung pur. Fotografieren ausgeschlossen, es wäre alles nass geworden.

Der Wetterbericht am nächsten Morgen kündigte Starkwind und Gewitterböen an. Allerdings klarte es langsam auf, so dass es mittags losgehen konnte. Entlang der Warnemünder Rinne ging es sehr schleppend. Kaum Wind, aber Dünung. Nach sechs Stunden lag erst etwa die Hälfte der Strecke nach Gedser hinter mir. Ab und zu musste ich einen Blick über die Schulter werfen, um beruhigt festzustellen, dass die großen
dunklen Gewitter links und rechts an mir vorbeizogen.
Die Sonne schien, es war warm, und ich war kurz davor, die lange Segelhose auszuziehen, als sich das Boot unvermittelt stark auf die Seite legte. In Luv tobte das Wasser. Die Sonne war augenblicklich weg, und es fing kräftig an zu schütten. Das Groß wehte schlagend aus und zerrte stark am Rigg. Zum Reffen war es eindeutig zu spät. Die Fock zog wie verrückt, und das Boot schoss voran. Ich dachte nur “hoffentlich geht jetzt nichts kaputt”…
Nach einer Viertelstunde war alles vorbei, es hörte auf zu regnen und wurde wieder ruhiger. Wie friedlich einem 4 Windstärken vorkommen können! Und vielleicht muss so etwas gleich am Anfang passieren, damit man auch den nötigen Respekt mit auf die Reise bekommt.
In Gedser war leider keine befriedigende Auskunft darüber zu bekommen, ob der Guldborgsund mit seinen Fahrrinnen und Brücken unter Segeln zu bewältigen ist. Also ging es weiter um Falsters Südspitze und bei ablandigem SW 3-4 ohne Welle und bei strahlender Sonne Richtung Mön. Nach ein paar Stunden öffnete sich links der Grönsund und nach kurzer Kreuz in der Nachmittagssonne konnte ich als erster Gast der Saison in Harbölle am Brückenkopf festmachen. Ein schöner Segeltag!

Über Nacht drehte der Wind um 180° auf Ost und nahm mich am nächsten Morgen ohne Fock und unter gerefftem Groß mit bis ins Smalands Fahrwasser. Dicht unter Land konnte ich die schöne Küste von Knudsskov bewundern. An deren Ende bog ich rechts ab und erreichte abends bei abnehmendem Wind die Rinne von Bisserup. Erstaunlich, wie viel Fahrt das Boot noch bei so wenig Wind macht! Das Ufer kam näher, der Hafen auch, und an den ersten Pfählen in der Bucht war eine starke Strömung hinein ins Holsteinborg Nor zu erkennen. Nach einem schnellen Aufschiesser schnappte ich mir den nächsten Pfahl und entschied, aufgrund der starken Strömung (~4 kn) nicht den Versuch zu unternehmen, die quer dazu liegende Hafeneinfahrt zu treffen, sondern draußen zu bleiben. Aufgrund des folgenden schlechten Wetters sollten es drei Nächte am Pfahl werden…
Anfangs überlegte ich noch, das Kentern des Stroms abzuwarten und in dieser Pause kurz in den Hafen zu paddeln. Aber später stellte sich heraus, dass es keine Pausen gab.
Das Boot hing am Pfahl, als würde es geschleppt werden. Der Strom kenterte alle sechs Stunden, und mit ihm drehte sich auch das Boot. Kritisch wurde es nur, wenn der Strom nicht mit dem Wind ging. Dann wusste das Boot nicht, wohin es sich drehen sollte und berührte ab und an mit dem Bug den Pfahl. Nach guten zwei Tagen intensiven Grübelns hing ich achtern einen Eimer ins Wasser und “schleppte” ihn nach. Ab da war Ruhe.
Hinter der zurückgeschlagenen Persenning im sonnigen Windschatten war viel Zeit zum Lesen oder Radio hören. Die Proviantkiste war noch gut gefüllt. Abends wurde dann mit dem Kochgeschirr herumgeklappert und der Kocher in Betrieb genommen. Nach dem warmen Essen habe ich mir einen Pullover in den Rücken gestopft, dann einen Sherry…
Nachts kam starker Wind und der Regen prasselte auf die Plane.

Nach drei Tagen als Asket machte ich die Leine los. Es war der 23. Juni, und ich wollte Mittsommer nicht alleine und einsam am Pfahl verbringen. Bei absoluter Flaute spülte der auslaufende Strom das Boot aus der Mündung auf das offene Wasser, dabei drehte es sich mehrmals um sich selbst. Mittags setzte leichter Wind ein und führte mich dicht unter Land entlang der Stellnetze am Südufer Seelands entlang.
Hinter der Ecke kam die große Brücke in Sicht. Das Wetter war freundlich, und ich wollte auf die andere Seite nach Nyborg fahren. Mitten im Fahrwasser verließ mich der Wind. Null, absolut null Wind bei starker Dünung. Und Schiffsverkehr. Das Groß schlug sehr stark, aber jetzt das Segel herunterzunehmen hieße sich unsichtbar zu machen. Zum Glück trieb mich der Strom wieder an den Rand des Fahrwassers, und am Himmel zeigte sich auch schon wieder eine große dunkle Wolke. Nach kurzer Zeit setzte Wind ein und ein weiterer Anlauf konnte folgen. In der Mitte des Fahrwassers angekommen, war wieder Schluss mit dem Wind. Es folgte das gleiche Spiel noch einmal. So verbrachte ich einen unfreiwillig aufregenden Nachmittag mitten im Fahrwasser direkt vor dem großen Brückenbogen!
Aber die Abendbriese entschädigte für alles. Nyborg kam langsam näher. Hinein in die untergehende Sonne! Am Ufer waren schon einige Lagerfeuer zu sehen, umringt von Menschen. Auch die Mole zur Hafeneinfahrt war dicht mit Leuten besetzt. Diese bekamen nun ein sauberes Manöver eines kleinen Juniorbootes zu sehen, ein kurzer Aufschiesser, Segel fällt, und mit etwas Restfahrt an den Steg. Hinter dem Hafen war ein Festplatz mit Musik, und um 23 Uhr Feuerwerk.
Am nächsten Tag war zwar schönes Segelwetter, aber ich legte einen Hafentag ein. Ein ausgedehnter Spaziergang kompensierte den Bewegungsmangel.

Tags darauf ging es durch die Brücke nach Norden. Bei NO 3+ hatte das Boot gut zu tun. Laufende Backstage wären jetzt gut gewesen, wenn man sie denn gehabt hätte. Das Rigg arbeitete stark. Den Windschatten der Insel Romsö zum Reffen genutzt. Ein heißer Ritt nach Samsö. Abends beim Aufräumen bemerkt, dass das Rigg sehr lose ist. Beim Blick nach oben konnte man an der oberen Pressung des linken Backstags einen wunderschönen “Blumenstrauß” erkennen. War aber zu müde, um weitere Probleme zu lösen. Erstmal in den Kro eingekehrt und richtig gegessen, mit Nachtisch und Kaffee. Abends dann Gewitter mit sehr starkem Regen !
Die nächsten sieben langen Tage verbrachte ich in Ballen. Strahlender Sonnenschein bei sehr kalter Luft wechselte sich regelmäßig mit starken Schauern und Wind bis 11 ab. Hier machte ich etwas, das ich noch aus alten Motorradtagen kenne: Aufwärmen im Buswartehäuschen. Über Nacht suchten selbst größere Berufsschiffe in Lee der Insel Schutz. Niemand verließ den Hafen, und während der Böen neigten sich alle Masten parallel.
Das Junior wurde am Kai auf die Seite gelegt und das Backstag demontiert. Nach Auskunft des Hafenmeisters war aber auf der Insel kein Ersatz zu bekommen. Im Baumarkt kaufte ich ein Stück Kette, Drahtseilklemmen und den teuersten Zollstock meines Lebens. Allerdings waren die Wetteraussichten so schlecht, dass ein baldiges Weitersegeln unwahrscheinlich erschien. So war genug Zeit, per Telefon zu Hause ein neues Backstag zu bestellen und per UPS schicken zu lassen. Nach Erhalt wurde es montiert (Danke “Scampi”!), dann ging es mir wieder besser.
Pünktlich am nächsten Morgen änderte sich das Wetter, große Aufbruchstimmung im Hafen. Mittags am Leuchtturm Sejerö, Wind geht auf SO 3-4. Bis zum Fährhafen Odden, dann zurück unter Land nach Sejerö, gerefft und starke Welle. Auf Backbordbug unter Land ostwärts um Sejerö herum und abends im Hafen. Diese Tour machte ich, weil meine Tochter einmal eine Flaschenpost auf die Reise schickte, die tatsächlich auf Sejerö gefunden wurde.
Am nächsten Vormittag Starkwind aus Süd, kein Weitersegeln möglich. Nachmittags lässt der Wind nach, um 15 Uhr geht es los. Es folgt ein langer Schlag nach Süd bis unter Land, dann parallel zum Ufer bis Rosnäs. Dieser Nothafen ist absolut einsam. Es gibt keinen angrenzenden Ort, keinen Kiosk, dafür auch kein Hafengeld.

Am nächsten Tag schon wieder Starkwindwarnung. Es regnet pausenlos bei einer Höchsttemperatur von 16 °C. Ich marschierte die drei Kilometer in den nächsten Ort, um aus lauter Verzweiflung etwas Bus zu fahren. Alle paar Minuten setzte ich mich woanders hin, auf einen trockenen Sitzplatz.
Nachts fing es richtig an zu wehen. Die Gischt flog über die Mole und prasselte auf die Plane. Das Boot lag sehr unruhig. Es waren etwa 10°C. Ich habe sehr schlecht geschlafen.
Aufgrund des anhaltend schlechten Wetters wurde die Zeit langsam knapp. Die gewünschte Tour war sowieso nicht mehr zu schaffen. Aber auch einfach nur für den Rückweg war jetzt nicht mehr viel Zeit zum Bummeln.

Die nächste Tagestour führte um Rosnäs Spitze herum. Hier tauchten zwei Tümmler auf. Das sollte aber auch das Highlight bleiben, diese Strecke war nicht besonders interessant. Bis auf die weithin sichtbaren Antennenanlagen von Kalundborg gab es hier nichts zu sehen. Abends wollte ich erst nach Mullerup, aber der Wind stand genau auf die Einfahrt. Also bog ich links ab und fuhr nach Reersö. Abends gekocht und Radio gehört. Alles wieder gut.
Nach der Wanderung nach Mullerup am folgenden Tag zeigte sich, dass hier der auflandige Wind und die starke Brandung direkt auf die Hafeneinfahrt standen. Im Hafen war starker Schwell. Ein sicheres Anlegen wäre hier wohl nicht möglich gewesen. Abends schien sich das Wetter zu beruhigen.

Der darauf folgende Tag bot Karibikwetter. Es ging bei W 4-, schöner langer Welle und strahlender Sonne weiter. Später ausgerefft und durch die Beltbrücke. Dahinter leider wieder absolute Flaute und bleierndes Wasser. Zwei weitere Tümmler gesehen. Ein freundlicher Schlepp brachte mich nach Agersö, einem schönen Hafen mit Bänken und kleinen Tischen am Steg. Dadurch beim Essen direkter Blick aufs Boot.
Die Zeit drängt. Bei W1 los, später SSW-W 3-4. Einmal quer durchs Smalands Fahrwasser. Nach sieben Stunden an der Guldborgsundbrücke, das sind gute 4 Knoten im Schnitt. Hinter der Brücke öffnet sich der Guldborgsund. Dieses Revier erinnert mich an zu Hause, die Berliner Unterhavel. Weitere zwei Stunden später kann ich in Nyköbing festmachen. Ein schöner Segeltag!

Und dann folgte mal wieder ein regnerischer, sehr kalter und trüber Hafentag. Nach dem Einkauf habe ich im Klubhaus die Beine hochgelegt und gelesen. Und ich hatte keine Lust mehr auf eine weitere ungemütliche Nacht auf dem Boot, sondern schnappte mir den Schlafsack und schlief im Klubhaus auf einer Bank.
Dann ging es weiter durch die Brücke südlich Nyköbing. Später gerefft, W~5, böig. Nachdem die Abdeckung durch das Land weg war, ging der Ritt richtig los. Die Welle baute sich vor dem Westufer Falsters auf, teilweise auf geschätzte 2 m mit Brechern. Glück gehabt! Nach zwei Stunden in Gedser. Der Hafen war bereits gut gefüllt. Und es sah nicht so aus, als wären die Charterleute gerade erst eingetroffen.

Es folgte der letzte Segeltag. Wenn genug Zeit gewesen wäre, hätte ich bei diesem Wetter nicht abgelegt. Aber es war der letzte Tag. Mittags segelte ich los, SW 4. Wildes Rodeo. Gerefft. Zwischendurch zogen dunkle Wolken mit starken Schauern vorbei. Auf etwa halber Strecke wollte ich kurz den GPS anschalten, um zu schauen, ob der Kurs halbwegs stimmt. In dem Moment sehe ich hinter der Fock die rotweiße Fahrwassertonne. Also alles okay, GPS wieder aus. Nach guten fünf Stunden kam die Ansteuerung Rostock. W2-3. Ausgerefft und sonnig. Nach weiteren zwei Stunden war ich im Hafen “Hohe Düne”. Die Runde ist zu Ende.
Das waren 30 Urlaubstage mit 12 schönen Segeltagen und etwa 320 Meilen. An den übrigen Tagen war für das Juniorboot ungeeigneter Wind. Selbst die dänischen Tageszeitungen beklagten sich fast täglich auf ihren Titelseiten über das Wetter.

Anmerkungen:
Das Juniorboot ist eine glückliche Konstruktion. Es ist nicht besonders schnell, aber es segelt und kreuzt gut. Die Reise hat viel Spaß gemacht und das Boot war gut dafür geeignet. Nur zum Ein- und Ausreffen musste ich nach vorne, aber mit 45° auswehenden Segeln liegt das Boot sicher und hält bei langsamer Fahrt den Kurs.
Seit längerer Zeit führe ich das Unterliek des Großsegels nicht mehr in der Nut des Baumes, sondern lasse es lose. Das hat einige Vorteile. Das Segel steht wesentlich besser und kann sich im unteren Bereich besser “entfalten”. Die Unterliekspannung lässt sich auch leichter ohne Reibung einstellen. Es wird kein zusätzlicher Beschlag für die achterliche Reffleine benötigt, sondern es genügt ein Palstek um den Baum. Und ein neues Segel würde billiger werden. Ein loses Unterliek sollte in den Klassenregeln erlaubt werden. Wobei ja nicht drinsteht, dass man es im Baum führen muss!
Meine Backstage sind bisher fest montiert. Bei Welle könnte der Mast zusätzlichen Halt nach achtern durch laufende Backstage gut gebrauchen. Und diese werde ich am unteren Ende mit einem Karabiner versehen, so dass sie bei leichterem Wetter wieder in das vordere Auge eingehakt werden können. Eine Aufgabe für den Winter.

Alleine war es okay, zu zweit wird’s sicher eng. Nicht unbedingt beim Schlafen, aber wohin mit dem Gepäck ? Auch sollte man das Boot nicht zu sehr beladen, es ist klein und damit gewichtsempfindlich.
Auch wenn das Juniorboot in Relation zu anderen Booten seiner Größe relativ stäbig ist, so bleibt es doch eine Konstruktion für Kinder. Es kann einiges vertragen, aber es ist natürlich nicht uneingeschränkt seetüchtig. Daher ist man auf besondere Weise vom Wetter abhängig. Wenn Größere sich schon wieder auf den Weg machen, dann muss man eben noch etwas warten, oder man nutzt den nachlassenden Wind am Abend, um noch in den nächsten Hafen zu kommen.

von Jens Schimmelpfennig

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